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Gewerkschaft – Interessensvertreter- oder Verräter?

Fehleinschätzungen sind Teil des Lebens. Erkennt man sie, kann das weh tun in der Magengrube. Eine meiner Fehleinschätzungen war zum Beispiel die Annahme, dass Regierungsämter oder Positionen im Management generell von Personen besetzt sind, die überdurchschnittlich qualifiziert und kompetent sind. Irrtum!


Von Eva Gigler - Vorsitzende A1 Digital Betriebsrat


Ich dachte, Fleiß und Können würden zwangsläufig zu Erfolg führen, aber nur zu oft sieht man, dass diejenigen, die weit gekommen sind, nicht gleichsam die Qualifiziertesten sind. Einer meiner jüngsten Denkfehler war: Gewerkschaften agieren immer nur im Interesse der Arbeitnehmerschaft, die sie vertreten. Nein, tun sie nicht! Die Realität zeigt, dass sie durchaus auch andere Motive haben dürften, abseits der edelmütigen, mit denen sie sich öffentlich rühmen. So manche Erkenntnis birgt ein hohes Enttäuschungspotential in sich und dann fragt man sich, warum gewisse Dinge einfach so dermaßen schieflaufen.


Eine mögliche Hilfestellung, um irritierende gesellschaftliche Fragen aufzuklären, lieferte einer der bekanntesten Soziologen des 20. Jahrhunderts, Niklas Luhmann. Er entwickelte mit seiner „Systemtheorie“ eine Art Werkzeug, mithilfe dessen man soziale Phänomene analysieren und erklären kann. Die Systemtheorie liefert zum Beispiel einen Erklärungsansatz dafür, warum die Politik weder die ökologische Krise noch die Coronapandemie ordentlich managen kann.


Vereinfacht erklärt, lässt sie sich folgendermaßen darstellen: Man stelle sich die Gesellschaft wie ein Haus mit mehreren Stockwerken vor. Jedes Stockwerk bildet einen Gesellschaftsbereich/ein System ab. Sagen wir, das 1. Stockwerk ist das System der Politik, das 2. Stockwerk ist das Wirtschaftssystem, im 3. Stock finden wir das Rechtssystem vor usw. In jedem Stock herrscht eine andere Logik, welche die Vorgänge in diesem Bereich des Hauses bestimmt. Die Wirtschaft hat beispielsweise andere Ziele und Bedürfnisse, die sie erfüllen möchte als die Politik. Dementsprechend agiert sie auch anders. Jedes System folgt naturgemäß seiner eigenen Logik und sichert auf diese Weise sein Fortbestehen.


Umgelegt auf unser berufliches Zusammenleben können wir damit folgendes Bild skizzieren:


Die A1 Telekom ist ein Wirtschaftsunternehmen. Das Unternehmen wird nach der Logik des Gewinns (statt des Verlustes) geführt. Das heißt, alle Entscheidungen, die getroffen werden, sind systembedingt immer gewinnorientiert ausgerichtet. Hinzukommt aber auch, dass in großen Konzernen politische Interessen vertreten werden und das nicht nur, weil bestimmte Positionen politisch motiviert besetzt oder geschaffen werden. Nach Luhmanns Theorie funktioniert die Politik nach der Logik der Macht versus der Ohnmacht. Umgelegt auf die A1 hieße das also, dass nicht nur der Fokus auf Gewinnmaximierung absolute Priorität hat, sondern auch das Machtstreben bestimmter Personen oder Bereiche eine entscheidende Rolle in der Unternehmensführung spielt. Wie und warum bestimmte Handlungen gesetzt werden, ist nur darauf zurückzuführen. Mitunter wird dabei sogar die eigene Reputation auf dem Altar von Machterhalt und Profitmaximierung geopfert.


Welche Rolle haben nun die Personalvertretungen und die Gewerkschaft in diesem Setting? Nach welcher Logik agieren diese? Betriebsrät*innen und Gewerkschaftsvertreter*innen setzen sich z.B. für Arbeitnehmerrechte, für humane Arbeitsbedingungen und sozial gerechte Entlohnung ein. Man könnte also sagen, sie agieren nach der Funktionslogik der (sozialen) Gerechtigkeit. Alles was sie tun, sollte also diesem Prinzip entsprechen. Schließlich ist die Betriebsratstätigkeit per Definition ein Ehrenamt, das meistens neben der Arbeitspflicht und somit freiwillig, aus einer inneren Motivation heraus, ausgeübt wird. Betriebsrät*innen dürfen aufgrund ihrer Tätigkeit weder bevorteilt noch benachteiligt werden. Der Sinn dahinter ist klar. Es soll damit gewährleistet sein, dass die Motivation zur Ausübung in der Sache selbst begründet ist und nicht darin, dass vom Management extra Zahlungen oder begünstigende Sachleistungen zur Verfügung gestellt werden. Ein solches Vorgehen verstehen wir als korrupte Handlung, da „gekaufte“ Personalvertreter*innen im Gegenzug für ihre Privilegien natürlich im Interesse der Unternehmensleitung agieren müssten. Folglich könnten sie sich nicht mehr konsequent für die Interessen ihrer Kolleg*innen stark machen, denn diese Interessen hätten sie zum eigenen finanziellen Vorteil dann ja verkauft. Selbiges gilt für Gewerkschaftsvertreter*innen.


Kommen wir zu der Sicht auf die Systeme zurück. Die Unternehmensrepräsentant*innen agieren also gemäß ihrer Systemlogik auf Profitmaximierung und Machterhalt. Die Belegschaftsrepräsentant*innen sind gemäß ihrer Funktion auf soziale Gerechtigkeit konzentriert.


Pointiert könnte man sagen: Dagobert Duck gegen Superman.


Wenngleich Personalvertreter*innen keine übermenschlichen Fähigkeiten besitzen, darf man ihnen (wie Superman) allgemeinhin einen überdurchschnittlich hoch ausgeprägten Gerechtigkeitssinn unterstellen und die Motivation, sich wiederholt Konflikten auszusetzen, im Sinne der Gerechtigkeit. Gleichbedeutend steht die Analogie des Managements mit der Figur des Dagobert Duck im Zusammenhang mit dessen Charaktereigenschaften. Der aus Mickey Maus-Comics bekannte liebenswerte und gleichsam schrullige Onkel Dagobert verkörpert primär die zwei Logiken Profit- und Machtstreben. Es ist sein größtes Vergnügen in seinem bis oben gefüllten Geldspeicher ein Goldmünzenbad zu nehmen und der Gedanke, davon etwas abzugeben, kommt ihm schlichtweg nicht in den Sinn. Minenfelder, Fallen und Verbotsschilder sollen Eindringlinge abwehren und in seiner Gier ist er bereit auch zu ehrlosen Mitteln zu greifen.


Wenn nun Team Dagobert und Team Superman aufeinanderstoßen, kann es krachen, denn ihre Interessen stehen systembedingt einander diametral gegenüber. Aber was, wenn der zu erwartende Krach ausbleibt? Vor allem in Angelegenheiten, die das jeweilige System fundamental betreffen, sind Konflikte häufig unvermeidlich und die logische Konsequenz. Kollektivvertragsverhandlungen wären dafür ein Beispiel. Hier soll Team Dagobert etwas tun, das überhaupt nicht in seinem Interesse ist, nämlich etwas von seinem Gewinn abgeben (auch wenn es diesen Gewinn niemals ohne seine starke Mannschaft hätte erwirtschaften können). Team Superman (die Gewerkschaftsvertreter*innen) ist also gefordert mit harten Bandagen zu kämpfen, um seinem Prinzip der Gerechtigkeit zu folgen.


Hat Team Superman 2021 seinen Job getan?


Das Unternehmen verzeichnete für 2021 einen Rekordgewinn mit einer EBITDA-Steigerung von 8,2% (im Vgl. zum Vorjahr). Seinen Mitarbeiter*innen war es jedoch nicht bereit, mehr als 130 Euro brutto/Monat zu gewähren, was im Zuge der bedrohlich hohen Inflationsrate bei Gehältern bereits bei vergleichsweise niedrigen und mittleren Gehältern zu Reallohnverlusten führt. Zusätzliche 2% Gehalts- und Lohnerhöhung hätten dem Unternehmen bei geschätzten Personalkosten von 500 Mio. Euro nicht einmal mehr als 10 Mio. gekostet und das bei einem net result von 455 Mio. Euro.


Aber Achtung: Die Steigerung der Dividenden um 12%, die zusätzliche Kosten von 19.935 Mio. Euro ergibt, wurde vom Management genehmigt!


Erkenntnis: Die Wertschätzung der Unternehmensleitung gegenüber ihren Mitarbeiter*innen ist buchstäblich in Zahlen abzulesen und ergibt ein wahrlich beschämendes Bild.


Aber ja, A1 ist grundsätzlich kein schlechter Arbeitgeber. Gerne rühmt man sich damit, dass die Gehälter immer pünktlich überwiesen werden. Auch wissen wir, es gibt Unternehmen mit schlechteren Bedingungen und KV-Abschlüssen. Vor allem bei KV-Abschlüssen wird ja gerne dazu geneigt, sich mit dem schlechteren, anstatt dem besseren zu vergleichen. So kann man es natürlich machen, wenn man sich der Strategie bedienen möchte, sich vor der Verantwortung wegzustehlen, nicht mehr getan zu haben.


„Besser als nichts“, bedeutet nicht automatisch „gut“ oder „angemessen“.


Mitarbeiter*innen, deren Arbeitsmoral sich dadurch auszeichnet, sich am besseren und nicht am schlechteren zu orientieren, werden von Unternehmensseite mit einer Mentalität konfrontiert, die sagt „meine Anerkennung für dich ist zumindest höher als null“. Und dieses Zeugnis vom Unternehmen an die Mitarbeiter*innen wurde (wiederholt) im gewerkschaftlichen Einvernehmen unterzeichnet.


Was ist los mit der Gewerkschaft, alias Team Superman? Wieso unterschreibt sie so etwas?


Welcher Logik ist sie gefolgt, denn die der Gerechtigkeit, die des sozialen Verteilungsprinzips war es offenbar nicht. Warum wurden keine Maßnahmen getroffen? Hat sie irgendjemand während der Verhandlungen aufschreien gehört? Hat sie Betriebsversammlungen abgehalten? Zu Streiks aufgerufen? Die Arbeitgeberseite mit Taten daran erinnert, dass Profite nicht einfach so vom Himmel fallen, sondern nur mit einer fleißigen Mannschaft erzielt werden können?


Wir haben nichts gehört. Totenstille. Und die drängende Frage erhebt sich: Welche und wessen Interessen stehen hier eigentlich im Vordergrund? Wer, abgesehen von der Arbeitgeberseite, ist der wahre Profiteur eines „besser als nichts - Abschlusses“?


Wenn Gewerkschaftsvertreter*innen oder Personalvertreter*innen ihre persönlichen Interessen, vielleicht sogar auf dubiose Art erworbene Privilegien, über die Logik des Systems stellen, fragwürdig agieren und gleichsam für die Belegschaft minderwertige Abschlüsse verhandeln, bedeutet das die Vernichtung von gesellschaftlichen Werten. Es ist eine moralische Katastrophe für den Stand als auch für die Belegschaften. Wer soziale Ungleichheit in der Gesellschaft fördert, anstatt sie zu bekämpfen, deklariert sich selbst als privilegiert und als Feind der Arbeitnehmerschaft. Somit haben wir es hier mit einer eklatanten Systemschwachstelle zu tun und sollten dringend überlegen, wie wir diese beheben können.


Rein analytisch und nüchtern betrachtet, ist es mit Hilfe der Systemtheorie einfach, die Entstehung derart verstörender Phänomene nachvollziehen zu können. Der dumpfe Schmerz in der Magengrube aber bleibt. Die tiefe Enttäuschung und Fassungslosigkeit darüber, dass eine historisch bedeutende Organisation wie die der Gewerkschaft so offensichtlich ihre Werte, für die integre Vorgänger*innen einmal hart gekämpft haben und anerkannt waren, mitsamt der Arbeitnehmerschaft (ihren Schützlingen) über Bord wirft. Das lässt jedem Menschen mit einer Spur von Anstand und Gerechtigkeitssinn das Herz bluten.


Eva Gigler